Schamanische Reise: Grundlagen Anleitung & Wirkung erklärt
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Die schamanische Reise ist eine strukturierte Weise, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten, den Bewusstseinszustand gezielt zu verändern und Einsichten für den Alltag zu gewinnen. In einer Welt, die zunehmend von äußeren Reizen und rationalem Denken geprägt ist, wächst das Bedürfnis nach innerer Einkehr und spiritueller Orientierung. Diese uralte Methode führt den Reisenden in nichtalltägliche Wirklichkeiten, in denen Begegnungen mit Krafttieren, Ahnen oder geistigen Helfern möglich werden. Dabei verbindet sich jahrtausendealtes Wissen indigener Kulturen mit modernen neurobiologischen und psychologischen Erkenntnissen. Dieser Leitfaden bietet eine pragmatische Schritt‑für‑Schritt‑Anleitung, beleuchtet Wirkung und Sicherheit und zeigt, wie Sie Erlebnisse sinnvoll integrieren.
Was ist eine schamanische Reise?
Eine Reise ist ein zeitlich begrenzter innerer Prozess, häufig begleitet von Trommelrhythmus (ca. 4–8 Hz), der äußere Reize dämpft und die Innenfokussierung fördert. In diesem Zustand treten Bilder, Körperempfindungen, Erinnerungen und Symbolhandlungen hervor, die – richtig eingeordnet – zu neuen Perspektiven führen können.
Anleitung zur Durchführung
Vorbereitung: Raum, Intention, Sicherheit
· Ort: Wählen Sie einen ruhigen, ungestörten Raum mit gedämpftem Licht. Eine bequeme Sitz- oder Liegeposition unterstützt die Entspannung und die Innenfokussierung.
· Intention: Formulieren Sie eine klare Frage oder ein Thema, das Sie in der Reise erforschen möchten – zum Beispiel: „Was stärkt mich in der aktuellen Situation?“ Eine präzise Absicht hilft, die inneren Bilder und Erfahrungen besser zu deuten.
· Zeitfenster: Für Einsteiger empfiehlt sich ein Zeitraum von etwa 15–20 Minuten. Mit zunehmender Erfahrung kann die Dauer individuell verändert erweitert werden.
· Sicherheit: Ein Timer sorgt dafür, dass Sie nicht die Zeit verlieren. Ein Bodenanker – etwa bewusstes Atmen oder die Hand auf dem Bauch – hilft, sich am Ende der Reise wieder zu orientieren und sicher zurückzukehren.
Schritt‑für‑Schritt‑Anleitung
Ankommen: Vertiefen Sie Ihren Atem, lassen Sie die Schultern locker und scannen Sie Ihren Körper innerlich. Dies hilft, sich zu zentrieren und den Alltag hinter sich zu lassen.
Rhythmus starten: Beginnen Sie mit einem gleichmäßigen Trommel- oder Rasselrhythmus. Eine Audioaufnahme genügt – wichtig ist der konstante Takt (ca. 4–8 Hz), der den Bewusstseinszustand verändert.
Einstiegsszene visualisieren: Stellen Sie sich einen vertrauten Ort vor – etwa einen Baum, eine Höhle oder ein Flussufer. Lassen Sie Bilder entstehen, ohne sie zu erzwingen. Dieser Ort dient als Übergang in die nichtalltägliche Wirklichkeit.
Begegnung mit inneren Helfern: Bleiben Sie offen für symbolische Gestalten wie Krafttiere, Ahnen oder geistige Begleiter. Stellen Sie einfache Fragen und beobachten Sie, welche Bilder, Gefühle oder Impulse als Antwort auftauchen.
Information sammeln: Achten Sie darauf, was sich in Bezug auf Ihre Intention zeigt. Welche Handlungen, Symbole oder Aussagen entstehen? Notieren Sie sich nach der Reise alles, was Ihnen bedeutsam erscheint.
Rückweg: Mit den letzten Trommelschlägen – dem sogenannten Rückholsignal – kehren Sie bewusst zum Ausgangspunkt zurück. Nutzen Sie Ihren Bodenanker (z. B. Atem oder Körperkontakt), um wieder ganz im Hier und Jetzt anzukommen.
Wirkung & Forschung – ein Überblick
Viele Praktizierende berichten über Entspannung, Klarheit und das Gefühl, handlungsfähiger zu sein. Die schamanische Reise kann emotionale Blockaden lösen, neue Perspektiven eröffnen und das Vertrauen in die eigene Intuition stärken. Besonders bei wiederholter Anwendung entsteht oft ein Gefühl von innerer Führung und Selbstwirksamkeit.
Wissenschaftliche Studien zu Rhythmus und Trancezuständen zeigen unter anderem Veränderungen in Aufmerksamkeitsparametern, Stressreaktionen und der Gehirnaktivität. Die Ergebnisse sind jedoch gemischt und stark abhängig von Studiendesign, Messmethoden und individuellen Voraussetzungen der Teilnehmenden. Es gibt Hinweise darauf, dass rhythmische Reize im Bereich von 4–8 Hz die Gehirnwellen in den Theta-Bereich führen können – ein Zustand, der mit Kreativität, inneren Bildern und emotionaler Verarbeitung verbunden ist.
Die Arbeit von Dr. Gerald Pohler, Mitbegründer von ASW-Österreich und Pionier des Neuroschamanismus, zeigt, wie sich traditionelle schamanische Techniken mit modernen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen verbinden lassen. Die neuroschamanische Arbeit aktiviert gezielt biologische Prozesse im Gehirn, die sich positiv auf Körper, Geist und Seele auswirken. Durch die Verbindung von uraltem Erfahrungswissen und wissenschaftlich fundierten Methoden entsteht ein ganzheitlicher Ansatz, der sowohl zur Lösung seelischer und körperlicher Probleme als auch zur Förderung von Kreativität und Selbstentwicklung beiträgt.
Wichtig: Die schamanische Reise ist ein Werkzeug, dessen Wirkung stark von der Intention, dem Kontext und der Integration abhängt. Eine bewusste Vorbereitung, achtsame Durchführung und reflektierte Nachbereitung sind entscheidend für die Tiefe und Nachhaltigkeit der Erfahrung.
Integration: Aus Erlebnissen Handeln machen
Journal: Notieren Sie Bilder, Gefühle und Eindrücke unmittelbar nach der Reise. So bleiben feine Details erhalten, die später wertvoll sein können.
Deuten, nicht überdeuten: Beschreiben Sie Ihre Erfahrung zunächst neutral. Formulieren Sie dann zarte vorläufige Hypothesen, was die Bilder oder Gestalten bedeuten könnten – ohne vorschnelle Interpretation.
Micro‑Steps: Leiten Sie aus Ihrer Reise eine klitzekleine konkrete Handlung für die nächsten 48 Stunden ab. Das kann ein Gespräch, eine Geste oder eine innere Haltung sein.
Feedback‑Schleife: Beobachten Sie, wie sich die Handlung auswirkt. Fühlt sie sich stimmig an? Falls nötig, passen Sie Ihre nächsten Schritte behutsam an.
Sicherheit & Grenzen
Üben Sie dosiert und regelmäßig statt selten und exzessiv.
Bei Überforderung: Rhythmus stoppen, atmen, Körper spüren, Wasser trinken.
Bei psychischen Krisen: Fachhilfe in Anspruch nehmen.
Fazit
Die schamanische Reise ist ein klare strukturierte Erfahrung, die durch Einfachheit und Tiefe besticht. Mit guter Vorbereitung, klarer Intention und konsequenter Integration wird sie zu einem verlässlichen Werkzeug für persönliche Entwicklung, Selbstreflexion und spirituelle Orientierung. Ihre Kraft liegt nicht in spektakulären Erlebnissen, sondern in der regelmäßigen Praxis, der achtsamen Wahrnehmung und der Fähigkeit, innere Bilder in konkrete Schritte zu übersetzen. Wer sich auf diesen Weg einlässt, kann über die Zeit ein tieferes Verständnis für sich selbst entwickeln – und eine innere Haltung kultivieren, die Klarheit, Verbundenheit und Handlungskraft stärkt.
Das Grundprinzip: Rhythmus als Trance-Induktor
Schamanische Reisen nutzen monotone Trommelrhythmen (typisch: 4–7 Schläge pro Sekunde ≈ 240–420 bpm), um einen veränderten Bewusstseinszustand herbeizuführen. Dieser Rhythmus liegt im Bereich der Theta-Wellen (4–8 Hz), die mit tiefer Entspannung, Meditation und hypnagogischen Zuständen verbunden sind.
Studien zeigen, dass bei ca. 200 Schlägen pro Minute die Hirnwellen in Alpha- und Theta-Bereiche wechseln – ein Kennzeichen für Trance und meditative Zustände.
Neurophysiologische Mechanismen
Frequenzfolgereaktion (Frequency Following Response): Das Gehirn synchronisiert sich mit dem externen Rhythmus. EEG-Messungen zeigen eine deutliche Verschiebung in den Theta-Bereich während Trommel-Sessions.
fMRI-Studien: Während schamanischer Trance steigt die Konnektivität zwischen dem posterioren cingulären Cortex (PCC), dem dorsalen anterioren cingulären Cortex (DACC) und der Insula. Gleichzeitig wird die Aktivität der Hörbahn reduziert. Interpretation: Sensorische Entkopplung zugunsten eines „inneren Films“ und erhöhter Integration von Gedanken und Emotionen.
EEG-Studien (Maxfield): Theta-Trommeln führt zu dominanter Theta-Aktivität, begleitet von reduzierter Beta-Aktivität (Alltagsbewusstsein) und erhöhter Alpha-Kohärenz (Entspannung).
Psychologische und emotionale Effekte
Stressreduktion: Rhythmische Stimulation senkt Cortisol und aktiviert das limbische System, was zu Beruhigung und emotionaler Regulation führt.
Achtsamkeit & Präsenz: Der monotone Rhythmus unterbricht den „Monkey Mind“ und fördert fokussierte Aufmerksamkeit – ähnlich wie Meditation.
Symbolische Verarbeitung: Trance erleichtert den Zugang zu unbewussten Inhalten und archetypischen Bildern (Jung’sche Perspektive).
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Ergänzende Erkenntnisse aus Musik- und Rhythmusforschung
Rhythmus aktiviert Basalganglien und Kleinhirn, die für Timing und motorische Koordination zuständig sind. Diese Aktivierung unterstützt die Synchronisation von Bewegung und innerer Wahrnehmung.
Vorhersagbarkeit und Flow:Repetitive Rhythmen erzeugen ein Gefühl von Sicherheit und Vorhersagbarkeit, was die Trance stabilisiert und das „Loslassen“ erleichtert.
FAQ – Häufige Fragen zur schamanischen Reise
1. Brauche ich Trommeln oder Musik?
Ein rhythmisches Element erleichtert die Innenfokussierung, eine einfache Aufnahme genügt. Wichtig ist der gleichmäßige Takt (ca. 4–8 Hz).
2. Ist die Reise gefährlich?
Bei sorgfältigem Rahmen und Selbstfürsorge ist sie in der Regel gut verträglich. Bei psychischen Krisen gilt: professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
3. Wie oft sollte ich reisen?
Regelmäßigkeit ist hilfreicher als Intensität. Lieber kurz und achtsam als selten und überfordernd.
4. Was, wenn ich nichts sehe oder erlebe?
Das ist völlig normal. Manchmal braucht es Übung oder Vertrauen. Auch scheinbare „Leere“ kann eine wertvolle Botschaft enthalten.
5. Kann ich das allein machen?
Ja, viele Menschen reisen selbstständig. Für den Einstieg oder bei tiefergehenden Themen kann eine begleitete Sitzung sinnvoll sein.
6. Wie unterscheide ich Fantasie von echter Erfahrung?
Die Grenze ist fließend. Entscheidend ist, ob die Bilder Resonanz erzeugen, Klarheit schaffen oder Impulse für den Alltag geben.
Primärstudien und wissenschaftliche Artikel
Hove, M. J., Stelzer, J., Nierhaus, T., et al. (2016).
Brain network reconfiguration and perceptual decoupling during an absorptive state of consciousness.
Cerebral Cortex, 26(7), 3116–3124.DOI: Link
fMRI-Studie: Erhöhte Konnektivität von PCC, dACC und Insula während schamanischer Trance. LinkMax Planck Institute for Human Cognitive and Brain Sciences (2015).
Trance – Bewusstseinszustände und Netzwerkkonfigurationen. Link
Erste kombinierte fMRI- und EEG-Daten zu schamanischer Trance, Entkopplung von externer Wahrnehmung. LinkKonopacki, M., & Madison, G. (2018).
EEG Responses to Shamanic Drumming. Does the Suggestion of Trance State Moderate the Strength of Frequency Components?
Journal of Sleep and Sleep Disorder Research, 1(2), 16–25. DOI: Link
EEG-Studie: Alpha- und Theta-Aktivität unter monotonem Trommeln. LinkMaxfield, M. (1986 ff.).
Theta Drum Research – Biofeedback Studies on Shamanic Drumming.
Mind Center Corporation, Palo Alto.
Pionierarbeit zur EEG-Theta-Aktivität bei Trommelrhythmen (≈4,5 Schläge/Sekunde). LinkSchmidhofer, A., Reuter, C., Jewanski, J., et al. (2021).
Musik und Trance: Physiologische Messungen an Besessenheitsmedien bei Tromba-Ritualen in Madagaskar.
DAGA 2021 Proceedings.
Psychophysiologische Messungen (Atmung, Puls, Hautleitwert) im realen Ritualkontext. Link
Sekundärliteratur und Überblicksarbeiten
Harner, M. (1980/2011).
Der Weg des Schamanen.
Grundlagenwerk des Core-Schamanismus.Jecklin, C. (2020).
Die Wirkung des schamanischen Theta-Trommeln.
Erfahrungsbasierte und experimentelle Daten zu Theta-Trommeln. LinkPohler, G. (2014).
Die schamanische Reise aus dem Blickwinkel von Biologie und Psychologie.
ResearchGate PDF. Überblick über neuropsychologische Aspekte der schamanischen Reise. LinkWilhelm-Narosy, A. (2008).
Zauber der Musik – Bewusstseinsveränderungen im Ritual.
Universität Wien. Musikanthropologische Analyse von Rhythmus und Trance. Link
Zusätzliche Referenzen
Neher, A. (1962).
A physiological explanation of unusual behavior in ceremonies involving drums.
Human Biology, 34(2), 151–160.
Klassische Studie zur Wirkung rhythmischer Stimulation auf das Nervensystem.