Forschung zum Neuroschamanismus: Was sagen Studien?

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Was sagt die Forschung?

In einer Welt, in der alte spirituelle Praktiken auf moderne Wissenschaft treffen, gewinnt der Neuroschamanismus für uns zunehmend an Bedeutung. Wir verstehen diesen Begriff als Verbindung der uralten Traditionen des Schamanismus – wie Trance-Zustände, Rituale und Heilungspraktiken – mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaften. Aber was sagt die Forschung wirklich dazu? Gibt es empirische Belege dafür, dass schamanische Zustände messbare Veränderungen im Gehirn hervorrufen? In diesem Blogartikel tauchen wir gemeinsam tief in die Studienlage ein, beleuchten Schlüsseluntersuchungen und diskutieren die Implikationen für unser Verständnis von Bewusstsein und Heilung.

Wir sehen den Neuroschamanismus nicht als rein esoterisches Konzept, sondern als interdisziplinäres Feld, das Elemente aus Anthropologie, Psychologie und Neurowissenschaften vereint. Unsere Arbeit basiert auf der Annahme, dass schamanische Praktiken wie Trommeln, Tanzen oder geführte Imagination das Gehirn in einen veränderten Bewusstseinszustand versetzen, der therapeutische Effekte haben kann. In den letzten Jahrzehnten haben Forscher mit Methoden wie EEG (Elektroenzephalographie) und fMRI (funktionelle Magnetresonanztomographie) begonnen, diese Phänomene zu untersuchen. Unser Ziel ist es, eine umfassende Übersicht zu geben, basierend auf aktuellen Studien, und dabei praxisnah zu bleiben. Für alle, die nicht aus der Wissenschaft kommen: Denkt an den Neuroschamanismus wie an eine Brücke zwischen uralten Ritualen, die Menschen seit Tausenden von Jahren nutzen, und dem, was moderne Gehirnscanner heute zeigen – es geht um echte Veränderungen in unserem Kopf, die uns helfen können, stressfrei und ausgeglichen zu leben.

Wir verbinden traditionelle schamanische Praktiken (z. B. Trommelreisen, Rituale, Visualisierungen) mit Erkenntnissen aus der Neurobiologie und Psychologie. Unser Ziel ist es, durch veränderte Bewusstseinszustände neuronale Prozesse zu aktivieren, die Heilung, Stressreduktion und persönliche Entwicklung fördern. Studien zeigen, dass solche Praktiken neuroplastische Veränderungen begünstigen und Stresshormone senken können.

Definition und Geschichte des Neuroschamanismus

Der Begriff „Neuroschamanismus“ ist vergleichsweise neu und wurde von ASW-Österreich geprägt. Er erforscht die neurologischen Grundlagen religiöser und spiritueller Erfahrungen und verbindet sie mit praktischen Ansätzen. Schamanismus selbst gehört zu den ältesten spirituellen Praktiken der Menschheit und findet sich in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften weltweit. Er umfasst Rituale, in denen Schamanen in Trance-Zustände eintreten, um mit spirituellen Welten zu kommunizieren, Heilung zu bewirken oder Visionen zu empfangen.

Historisch beschrieben Anthropologen wie Mircea Eliade den Schamanismus als universelles Phänomen, das auf veränderten Bewusstseinszuständen (altered states of consciousness, ASC) basiert. Ab den 1980er Jahren begann die Neurowissenschaft, diese Zustände zu untersuchen. Michael Winkelman, ein Pionier in diesem Bereich, sieht schamanische Praktiken als ursprüngliche Form der Neurotheologie, da sie universell in prähistorischen Kulturen vorkommen und auf biologischen Mechanismen beruhen. Er betont: „Cross-cultural studies establish the universality of shamanic practices in hunter-gatherer societies around the world and across time.“ Dies deutet darauf hin, dass Schamanismus evolutionär verankert ist und auf angeborenen Gehirnfunktionen basiert.

Wir bei ASW-Österreich verknüpfen Neuroschamanismus mit modernen neurobiologischen Erkenntnissen und praktischen Methoden. Für uns ist er ein kreativer und schöpferischer Prozess, der das Selbstkonzept durch neurobiologische Veränderungen beeinflusst. Die Geschichte zeigt eine spannende Verschmelzung: von den Höhlenmalereien prähistorischer Schamanen bis zu heutigen Laborexperimenten. Für Laien: Stell dir vor, Schamanen vor 30.000 Jahren haben durch Trommeln und Gesänge ihre Gehirne „umprogrammiert“ – und heute messen Wissenschaftler diese Effekte mit Hightech-Geräten, die wie aus Star Trek wirken.

Neurowissenschaftliche Grundlagen und neurobiologische Effekte

Die Neurowissenschaften untersuchen, wie schamanische Praktiken das Gehirn beeinflussen. Zentrale Konzepte sind Trance-Zustände, die durch rhythmische Stimulation wie Trommeln induziert werden. Diese Zustände ähneln denen unter Einfluss von Psychedelika und aktivieren Bereiche wie den Temporallappen, das Belohnungszentrum (Nucleus accumbens) und den Präfrontalkortex.

Eine Schlüsseltheorie ist die „Neurophänomenologie des Schamanismus“, die beschreibt, wie subjektive Erfahrungen mit neuronalen Mustern korrespondieren. Studien stellen Schamanismus als „evolutionary neurocognitive epistemology“ dar – eine evolutionäre Erkenntnisweise des Gehirns. Forscher wie Michael Winkelman argumentieren, dass Rituale wie Tanzen oder Chanten Endorphine freisetzen und das Gehirn in einen integrativen Zustand versetzen, der Heilung fördert.

EEG-Untersuchungen zeigen, dass während schamanischer Trance Theta- und Alpha-Wellen dominieren, was auf Entspannung und erhöhte Kreativität hindeutet. Persingers „God Helmet“-Experimente aus den 1980er Jahren stimulierten den Temporallappen magnetisch und induzierten gefühlte Präsenzen, ähnlich schamanischen Visionen – obwohl Kritiker wie Granqvist (2005) dies auf Suggestion zurückführen. Dennoch unterstreichen diese Arbeiten die Rolle des Temporallappens in spirituellen Erfahrungen.

Neurobiologische Effekte: Untersuchungen belegen, dass schamanische Trance ähnliche Effekte wie Meditation hat: erhöhte Aktivität im cingulären Cortex, verbesserte Emotionsregulation und Stressabbau.

Neurotransmitter: Praktiken wie Trommelrhythmen und Visualisierung beeinflussen Dopamin, Serotonin und Cortisol, was emotionale Stabilität und Wohlbefinden unterstützt.

Neuroplastizität: Wiederholte schamanische Reisen können neuronale Netzwerke restrukturieren, ähnlich wie Achtsamkeitsübungen, und so Resilienz fördern.

Einfach gesagt: Unser Gehirn schaltet in einen „Flow-Modus“ um – wie beim Meditieren oder Sport – und das kann Stress abbauen und Kreativität boosten.

Unsere Anwendungen in Beratung und Therapie

Wir setzen neuroschamanische Methoden in Psychotherapie und Coaching ein, um:
  • Traumata zu verarbeiten,

  • kreative Problemlösungen zu fördern,

  • Selbstregulation und Resilienz zu stärken.

Dabei achten wir darauf, wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Erfahrung zu verbinden

Studien und empirische Befunde

  • Hautleitwert-Messungen: Eine Testreihe zeigte psychophysiologische Veränderungen während schamanischer Reisen, was auf eine Aktivierung des autonomen Nervensystems hinweist.

  • Vergleich mit Meditation: Eine PLoS-ONE-Studie (Gingras, Pohler & Fitch, 2014) untersuchte repetitive Trommelrhythmen. Ergebnis: subjektive Trance-Erfahrungen, aber keine signifikant stärkere Cortisol-Reduktion als bei Musikmeditation.

  • Stress und Wohlbefinden: Studien zu schamanischen Zeremonien (Mallmann, 2023) zeigen signifikante Reduktionen von Angst und Depression sowie gesteigerte spirituelle Verbundenheit.

  • Evolutionäre Perspektive: Michael Winkelman betont in seinen Arbeiten, dass schamanische Praktiken universell in Jäger-und-Sammler-Kulturen vorkommen und auf biologischen Mechanismen beruhen. Er beschreibt Schamanismus als „original neurotheology“ und verweist auf seine Rolle als evolutionäre Anpassung, die Heilung und soziale Integration fördert

Grenzen und Forschungsbedarf

  • Standardisierung fehlt: Viele Studien sind explorativ, mit kleinen Stichproben und ohne Kontrollgruppen.

  • Subjektive Erfahrungen: Heilungserlebnisse sind oft individuell und schwer messbar.

  • Forschungsbedarf: Randomisierte kontrollierte Studien sind notwendig, um Wirksamkeit und Mechanismen klar zu belegen.

Wir sind überzeugt: Die Forschung zum Neuroschamanismus steht noch am Anfang, doch es gibt solide Anknüpfungspunkte aus Meditations- und Achtsamkeitsforschung sowie erste kontrollierte Untersuchungen zu Trommelrhythmus und Reiseerleben. Wer neuroschamanisch arbeitet, kann evidenzinformiert kommunizieren: Die Praxis zielt auf bekannte neurobiologische Mechanismen (Aufmerksamkeit, Emotionsregulation, Stressachse) und zeigt in Vorstudien messbare Effekte – gleichzeitig bleibt Transparenz über Grenzen und die Forderung nach sauberer Methodik zentral.

Literaturtipps

  • Gingras B., Pohler G., Fitch W.T. (2014): Exploring Shamanic Journeying. PLoS ONE.

  • Mallmann C. (2023): Wirkung von Schamanismus in aktuellen Studien.

  • Esch T. (2014): Die neuronale Basis von Meditation und Achtsamkeit.